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Kommentar zum phonologischen Register der standardsprachlichen Vergleichskarten
Verfasser: Alfred Lameli
Bearbeitungsstand: 11.08.2008
1. Vorbemerkung
Mit dem „Digitalen Wenker-Atlas“ wurde eine erstmalige Publikation der historischen
Sprachkarten aus dem Bestand des „Sprachatlas des deutschen Reichs“ bewerkstelligt
(vgl. Kehrein/Lameli/Nickel 2006). Ausgehend vom primären Projektziel handelt es
sich um eine digitale Edition von 576 thematischen, in der Regel dreiteiligen Sprachkarten.
Kartenthema ist entweder ein Einzelwort (z.B. Karte 143[1] ich ), ein Laut
(z.B. Karte 506 f in Dorf ), ein Formelement (z.B. Karte 315 ge-
in getan ), eine weder silben- noch morphemäquivalente Lautgruppe (z.B. Karte
30 Of- in Ofen), eine Kombination verschiedener Laut- und Formelemente
(z.B. Karte 254 Kl- und -er in Kleider ) oder ein dialektales
Sonderphänomen (z.B. Karte 396 konsonantischer Anlaut in euch[2] ). Da nicht
alle Lautelemente der Erhebungswörter aufgenommen sind, ist eine Wortliste als Suchinstrument
nicht hinreichend. Der Nutzer kann nicht wissen, ob der interessierende Laut der
Erhebung auch tatsächlich als Kartenthema bearbeitet ist.[3] Für den Kartennutzer
ergeben sich aus linguistischer Sicht dennoch vielfältige Zugangsmöglichkeiten,
die aber in der Fülle der Informationen und vor allem in der Unterschiedlichkeit
der Informationstypen verborgen bleiben. Um das Material weitreichend analysieren
zu können, wurde die Sammlung der Kartenoriginale im Forschungszentrum Deutscher
Sprachatlas nach Maßgabe des mittelhochdeutschen Vokalismus sowie einzelner formenbezogener
Kriterien archiviert. Diese sogenannte „Marburger Systematik“ (vgl. Wiesinger/Hethey
1965) ist inzwischen in den DiWA implementiert. Daneben hat Rabanus (2005) im Zuge
der Arbeiten am DiWA ein hinsichtlich der Wenkerlemmata vollständiges morphologisches
Register entwickelt, das einen Zugang aus der Warte der Standardsprache, aber auch
des Mittelhochdeutschen, garantiert.
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2. Notwendigkeit
Die Uneinheitlichkeit der Laut- und Formenthemen stellt eine Registererschließung
vor grundsätzliche Schwierigkeiten. Mit Bezug auf den mittelhochdeutschen Vokalismus
ist eine phonetisch-phonologische Beschreibung des Stammsilbenvokalismus grundsätzlich
möglich und gewinnbringend. In konsistenter Weise kaum operationalisierbar sind
jedoch die oben erwähnten Fälle der Lautkombinationen und die aus heutiger Sicht
als morphologisch zu bezeichnenden Kategorisierungen.[4] Welche Schwierigkeiten
sich stellen können, ist mit Blick auf die Marburger Systematik erkennbar. So lassen
sich z.B. in vielen Fällen morphologische Kategorisierungen vornehmen, wie etwa
im oben angeführten Fall des Präfixes im Erhebungswort getan. In manchen
Fällen ist dies aber wiederum nicht möglich, wie z.B. im Kartenthema Schn-
auf der Grundlage des Erhebungsworts Schnee. Hier kann ein phonembezogenes
Register ebenso wenig zum Erfolg führen wie ein morphologisches. Die Lösung der
Marburger Systematik ist es, neben die morphologische Kategorie „Präfixe“ eine nichtmorphologische
Kategorie „Anlaute“ zu stellen, in die das besagte Kartenthema aufgenommen wird.
Zu welchen Problemen solch relativ unspezifische Kategorisierungen und Zuweisungen
führen können, wird gerade an der Anlautkategorie besonders deutlich. So findet
sich hier z.B. das Kartenthema t aus dem Erhebungswort getan. Diese
Zuordnung ist offensichtlich durch den sprachhistorischen Status als Wurzelverb
motiviert. Ähnlich verhält es sich beim Kartenthema ern im Wort gestern,
das der Kategorie „- en (Stammausgang)“ zugeordnet ist. Diese Entscheidung
mag mit ahd. gësteren ( < gësteron ) in Zusammenhang stehen, das sich
nach Lexer (1992) als Nebenform zu mhd. gëster belegen lässt.[5] An den sprachhistorisch
nicht weiter spezialisierten Nutzer – für den die Marburger Systematik allerdings
auch nicht gedacht war – stellt dieser Zugang mitunter erhebliche, wenn nicht kaum
lösbare Anforderungen.
Eine weitere Schwierigkeit der Marburger Systematik ist ihre Vokalismusorientierung.
So besteht etwa im genannten Beispiel das Problem, dass der Nutzer auf das Erhebungswort
gestern in exakt zwei Kategorien stößt. Erstens in der erwähnten Kategorie „-en
(Stammausgang)“. Zweitens in der Kategorie „mhd. ë “. Eine Suche nach dem
mittelhochdeutschen Lautsystem wird derjenige anstrengen, der sich für die vokalischen
Realisationen des Erhebungswortes interessiert. Derjenige, der sich jedoch z.B.
für die Verbreitung palatalisierter Varianten von mhd./nhd. st interessiert,
erhält keine explizite Möglichkeit zur Suche und stößt auf die Karte nur über diesen
Eintrag in der Kategorie „mhd. ë “. Der Benutzer verfährt hier also besser
mit einer Liste der kartierten Lemmata, die er freilich kursorisch nach den ihn
interessierenden Konsonantenphänomenen durchsuchen muss. Vor diesem Hintergrund
besteht die Notwendigkeit einer umfassenden Erschließungsmöglichkeit auf gesamtlautlicher
Ebene.
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3. Anlage des Registers
Grundlage des hier zur Diskussion gestellten phonetisch-phonologischen Registers
ist das standardsprachliche Bezugssystem. Damit soll die Marburger Systematik in
ihrer historischen Dimension ergänzt sowie das schon vorhandene, im Kern an der
Standardsprache orientierte morphologische Register um die lautliche Systemebene
erweitert werden. Das Register basiert vorrangig auf der Kategorisierung einzelner
Laute und Lauttypen unter Einbeziehung phonetisch-phonologischer sowie einfacher
morphologischer Kontexte (Wort-, Silben- und Morphempositionen). Durch die hier
berücksichtigten morphologischen Kontexte wird eine segmentorientierte Schnittstelle
zum morphologischen Register hergestellt. Die Bezeichnung „Laut“ referiert im Wesentlichen
auf den strukturalistischen Begriff des Phons, allerdings um zum Teil abstrakte
Zusatz- und Nullelemente erweitert. „Lauttyp“ ist am traditionellen Phonembegriff
orientiert, allerdings auch hier um die aus den Anforderungen der Kartengrundlage
erwachsenen abstrakten Kategorien der Zusatz- und Nullelemente sowie – aus praktischen
Erwägungen – zusätzlich um bestimmte Lautkombinationen erweitert.
Da die vorliegenden dialektologischen Daten auf dem Schriftwege ermittelt wurden
und die Grundlage der Datenrepräsentation wie auch der Lemmatisierung eine primär
schriftsprachliche ist, soll das Register unabhängig von der phonetisch-phonologischen
Suchfunktion graphemische Suchabfragen ermöglichen. Diesbezüglich wurde für alle
Laute und Lauttypen ihre graphemische Realisation in den Lemmata der Wenkerkarten
ermittelt und ausgewiesen. Eine weitere Zusatzfunktion ist in einer inhaltlichen
Suchabfrage nach sekundären Karteninformationen zu den einzelnen auf den Wenkerkarten
thematisierten Systemebenen zu sehen (Lautung, Formenebene, Lexik).
Nachfolgend wird mit der an die Erfordernisse der Wenkerkarten angepassten Laut-
und Graphemklassifikation die Basis des Registers beschrieben. Anschließend werden
die möglichen Funktionen und Festlegungen des eigentlichen Suchsystems erläutert.[6]
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3.1 Lautklassifikation
Die Klassifikation dient als Vorstufe des eigentlichen Suchsystems. Um eine Suchabfrage
nach phonetisch-phonologischen Kriterien zu ermöglichen, muss jeder Laut zunächst
in seinen artikulatorischen Eigenschaften definiert sein. Die zu klassifizierenden
Elemente entstammen dem standardsprachlichen Lautsystem, sofern sie für die Lemmata
der Wenkerkarten relevant sind [7]. In einem ersten Schritt wurde eine Aufteilung
in die Lautklassen „Vokal“ und „Konsonant“ vorgenommen. Des Weiteren wurden nach
den Erfordernissen der Wenkerkarten zusätzliche Elemente definiert. Dies ist notwendig,
um etwa bestimmte Lautfolgen (z.B. Präfix ge-, Suffix be-) oder phonetisch-phonologische
Besonderheiten (z.B. silbische Konsonanten r, l) identifizieren zu
können sowie spezielle Kartenthemen, die ihr Bezugssystem nicht in der Standardsprache,
sondern in den Dialekten des Deutschen finden, in das Suchsystem integrieren zu
können. Um in der Suchabfrage die Position der Wortgrenzen erkennen zu können, wurde
zusätzlich eine Nullmarkierung definiert. Damit ergibt sich eine Einteilung in die
Klassen
- Vokal
- Konsonant
- Silbe
- Zusatzelement
- Nullmarkierung
Auf einer ersten, sehr allgemeinen Ebene ist eine Suchabfrage nach diesen Kategorien
ermöglicht.
Hinsichtlich ihrer artikulatorischen Parameter gilt es bei den Vokalen und Konsonanten,
die späteren phonotaktischen Suchoptionen sowie die Praktikabilität ihrer Umsetzung
zu berücksichtigen. Letzteres deutete sich bereits mit der Definition der Zusatz-
und Nullelemente an. Als weiterführendes Beispiel soll hier das Phänomen der g-Spirantisierung
in den Dialekten des Deutschen genommen werden.
In zahlreichen Dialekten des Deutschen ist standardsprachliches /g/ komplementär
als palataler oder velarer stimmloser Frikativ realisiert ([ç] vs. [x]).
Die Distribution dieser Varianten richtet sich – ähnlich der Verteilung der /ç/-Allophone
im Standarddeutschen – nach der voranstehenden Vokalqualität: Nach vorderem Vokal
(palatal) steht in der Regel [ç], nach hinterem Vokal (velar) steht in der Regel
[x]. Um die Analyse eines solchen Phänomens zu erleichtern, müssen die relevanten
lautlichen Kontextbedingen in die Suchabfrage integriert werden können. Die Suchabfrage
könnte folgendermaßen angelegt sein:
>>„Suche in den Lemmata der Wenkerkarten sämtliche Belege von standardsprachlichem
/g/ in Position nach velarem Vokal!“
Ein solches Suchanliegen erfordert:
- eine Definition der Sucheinheit „/g/“ als phonologische Größe
- eine Markierung linearer Lautpositionen
- eine erweiterte Definition der Sucheinheit "Vokal" nach den artikulatorischen Parametern
„velar“ und „uvular“
- eine Definition der segmentell-phonetischen Parameter der möglichen Suchergebnisse,
d.h. der jeweiligen Kartenlemmata
Während bei diesem Beispiel ein Interesse besteht, das über phonotaktische
und somit phonologische Informationen bedient werden kann, so sind aber auch Suchanfragen
erwartbar, die rein artikulatorisch zu beantworten sind. Dies ist insofern schwierig,
da die Datengrundlage wie erwähnt auf schriftlichen Zeugnissen basiert. Es
sind daher die artikulatorischen Parameter nach möglichen graphematischen Realisationen
zu definieren. Das hat zur Folge, dass etwa ein Laut [k] – unabhängig phonologischer
Erwägungen – als <k> ( Kind ), <ck> ( blickchen
), <ch> ( wachsen ) und <g> ( sag ) zu definieren ist.
Eine mögliche Suchanfrage, die also etwa auf die Realisation des standardsprachlichen
Lautes [k] in den Dialekten des Untersuchungsgebietes abzielt, wird somit solche
Kartenlemmata als Ergebnis aufführen, in denen der Laut enthalten ist.
Die beiden Beispiele verdeutlichen die grundlegenden Anforderungen an ein effizientes
Registersystem. Da allerdings eine vollständige Analyse aller strukturell bedeutsamen
Dialektspezifika des Deutschen für ein solches Vorhaben unmöglich ist,
dennoch aber dem Benutzer eine breite Bearbeitung ermöglicht werden soll, muss
das Register so detailliert wie möglich gestaltet werden. Im Gegensatz zu den
prototypisch rekonstruierten historischen Sprachstufen des Deutschen ist die Standardsprache
in ihren phonetisch-phonologischen Eigenarten relativ klar zu fassen. Insofern ist
es die Absicht, auf der Grundlage des standardsprachlichen Bezugssystems, ein möglichst
umfassendes Suchinstrument zu schaffen, das die in Entwicklung begriffenen historischen
Register um die Definition eingehender artikulatorischer und phonotaktischer Suchmöglichkeiten
entlastet.
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3.1.1 Lautklasse "Vokal"
Als vokalische Elemente begegnen in den Wenkerkarten sowohl Kurzmonophthonge als
auch Langmonophthonge, Diphthonge und Schwalaute. Hinsichtlich ihrer Phonation wurden
sämtliche Vokale als [+stimmhaft] klassifiziert, was banal erscheint, aber notwendig
ist, um sie in einer Suchabfrage nach Lauten in stimmhafter Umgebung miteinbeziehen
zu können. Als Artikulationsort wurde – entsprechend der Terminologie der traditionellen
dialektologischen Arbeiten – eine Aufteilung in
vorgenommen. Dies führt überwiegend zu Doppeleinträgen in der Kategorie der horizontalen
Zungenlage, die mit den Positionen
dreistufig besetzt wird. Für den Benutzer ergibt sich daraus der Vorteil der kombinierten
Suchabfrage von Vokalen und Konsonanten im Rahmen phonotaktischer Interessen. Zugleich
kann die Terminologie der traditionellen Dialektarbeiten, die einen Großteil des
gegenwärtigen Forschungsstandes ausmachen, für die jeweils eigene Analyse genutzt
werden.
Indem vertikal ein sechsstufiges Vokalsystem angesetzt wurde, folgt das Register
einem Vorschlag Veiths (KDSA 1995, S. XIV). Diese Einteilung bietet den Vorteil,
dass die teilweise in leicht zentraler Position stehenden Kurzvokale klarer definiert
werden können, als dies etwa nach der Klassifikation der IPA möglich ist. Hinsichtlich
der Lippenrundung wurden die Kategorien „rund“ und „gespreizt“ angesetzt. Damit
ergibt sich für die Standardsprache folgende Aufteilung für Kurz- und Langmonophthonge
(gerundete Positionen sind schattiert):

Abb. 1: Klassifikation der Kurz- und Langmonophthonge im DiWA-Register
Hinter diesen Lautzeichen verbergen sich in den Wenkerlemmata die in der nachfolgenden
Darstellung zugeordneten Schreibvarianten (vgl. auch KDSA 1995, S. XIII).
|
|
Kurzmonophthonge
|
Langmonophthonge
|
|
[-geschlossen]
|
|
|
|
|
|
ih
|
ü, üh
|
|
|
u
|
|
[+geschlossen]
|
i
|
ü
|
|
|
u
|
|
|
|
|
|
|
[-zentral]
|
|
|
|
|
|
e, ee, eh
|
ö, öh
|
|
|
o, oh
|
|
zentral
|
|
|
e
|
|
|
|
|
|
|
|
|
[+zentral]
|
e, ä
|
ö
|
|
o
|
ä, äh
|
|
|
|
|
|
tief
|
|
|
a
|
|
|
|
|
ah
|
|
|
Abb. 2: Schreibvarianten der Kurz- und Langmonophthonge im DiWA-Register
Für das Standarddeutsche gilt allgemein ein Vokaldreieck mit /a/ in zentraler Zungenlage
(Kohler 1995, S. 170). Hingegen ist in den Regionalsprachen ein Vokaltrapez mit
unterschiedlichen /a/-Qualitäten anzusetzen. Da das Register auf der Basis des Standarddeutschen
erstellt wurde, ist /a/ horizontal in zentraler Position ausgewiesen. Da sich jedoch
/a/ bei den Phänomenen, die an velare und palatale Vokalqualitäten in der Regel
analog zu den velaren Vokalen verhält – vgl. im Standarddeutschen die Verteilung
von ich- und ach-Laut – wird /a/ im vorliegenden Register zusätzlich eine velare
Qualität ausgewiesen. In einer Suchabfrage nach Wenkerlemmata, die Laute in velarer
Umgebung führen, erscheinen folglich auch die /a/-haltigen Kartenlemmata.
Zusätzlich führt das Register die standardsprachlichen Diphthonge /ai/, /oi/ und
/au/. /oiɐ/ (z.B. in „euer“, „Mäuerchen“), das Veith als Triphthong führt (KDSA
1995, S. XIV), wird vorliegend als Lautkombination aus Diphthong und Monophthong
bzw. Diphthong und den Segmenten /ər/ behandelt.[8] Dieser Status wird phonologisch
über die eingebundene Silbengrenze begründet, die eine bisyllabische Verteilung
der Segmente motiviert.
Damit ist zugleich auf die Problematik der Schwa-Laute verwiesen. Schwa wird hier
als Laut mit neutraler vertikaler Zungenstellung in zentraler bis tendenziell geöffneter
vertikaler Zungenlage definiert. Darunter fallen Zentral- als auch v.a. in Kombination
mit /r/ auftretendes Tiefschwa. Auslautendes Schwa wird im Register generell angegeben,
was vor allem in Position vor /r/ von Wichtigkeit ist: „Bruder“ segmentiert als
/bru:dər/. Insofern wird Schwa als eigenes Phonem behandelt (vgl. z.B. das Minimalpaar
„Freundin“ vs. „Freunden“), wenngleich der Phonemstatus von /r/ im Deutschen umstritten
ist (vgl. Wiese 2000, S. 16 f.). Die vorliegende Konvention wurde mit Blick in die
Wenkerkarten getroffen und beruht auf praktischen Erwägungen. In den Karten zeigt
sich nämlich, dass die Segmentposition, die durch Schwa besetzt wird, in verschiedenen
Dialekten vollvokalisch gefüllt ist (vgl. „dreschen“ vs. „dööschun“ in Karte 306).
Insofern bietet sich dem Benutzer, der unter Umständen an der Realisation solcher
Segmentpositionen interessiert ist, der eindeutige Verweis auf die entsprechenden
Wenkerkarten. Möglich wäre auch eine Definition als /e/- oder /ε/-Allophon gewesen
(vgl. Wurzel 1981, S. 926 f.), was im vorliegenden Zusammenhang jedoch zu Konflikten
im Rahmen der spezifischen /e/- bzw. /ε/-Suche geführt hätte. Alternativ und zusätzlich
wurde Schwa als Element eines silbischen Konsonanten definiert (s.u.).
Anzusprechen bleibt in diesem Zusammenhang ferner das Phänomen der /r/-Vokalisierung,
die im Standarddeutschen klar geregelt ist (vgl. Hall 2000, S. 71). Da das Register
bis auf wenige Ausnahmen von einer abstrakten standardsprachlichen Repräsentationsebene
ausgeht, die Vokalisierung jedoch ein Phänomen der Sprachproduktion darstellt, bleibt
sie vorliegend unberücksichtigt. Eine gewisse Kompensation erfährt diese Nichtberücksichtigung
durch die Definition silbischer Konsonanten (s.u.). Einen weiter reichenden Überblick
über die Klassifikation der Vokale bieten die Abb. 4 und Abb. 5 im Anhang dieses
Textes (zurzeit nicht verfügbar).
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3.1.2 Lautklasse „Konsonant“
Die Konsonanten der Wenkerlemmata wurden in Obstruenten und Sonoranten klassifiziert
und hinsichtlicht folgender Parameter spezifiziert:
- Phonation
- Artikulationsort
- bilabial
- labiodental
- alveolar
- postalveolar
- palatal
- velar
- uvular
- glottal
- Artikulationsart
- explosiv
- frikativ
- okklusiv
- nasal
- lateral
- gerollt
Als weitere konsonantische Subtypen wurden die Klassen
- Plosiv
- Frikativ
- Nasal
- Liquid
- Affrikate
gebildet. Damit ist in Teilen eine Überschneidung mit der Kategorie des Artikulationsortes
gegeben, die notwendig wird, um etwa den Typus „Liquid“ in die phonotaktische Suchabfrage
integrieren zu können. Darüber hinaus bietet dieses Vorgehen eine Unterscheidungsmöglichkeit
von Plosiven und als Affrikatenkomponente auftretenden frikativisch gelösten Verschlusslauten
(„explosiv“ vs. „okklusiv“). Folgende Konsonanten werden als standardsprachlich
angesetzt (stimmhafte Laute sind schattiert):

Abb. 3: Klassifikation der Konsonanten
Graphemisch wurden abhängig vom Inventar der Wenkerlemmata folgende Alternativrealisationen
eingebunden: /p/ = <p, b>, /t/ = <t, d>, /k/ = <k, g, ck, ch>,
/ŋ/ = <ng>, /f/ = <f, v>, /s/ = <s, ß>, /ʃ/ = <sch, s>.
Besonderheiten ergeben sich für die phonologischen Verfahrensweisen im Zusammenhang
mit den /ç/-Allophonen, dem Phänomen der Auslautverhärtung, der Silbischkeit von
Sonanten und der /r/-Vokalisierung. Die Vokalisierung von /r/ wurde bereits im Zusammenhang
mit der Klassifikation der Vokale thematisiert (Kapitel 3.1). Die Silbischkeit von
Sonanten ist Gegenstand des Kapitels 3.1.3. Für das Phänomen der Auslautverhärtung
ergibt sich hinsichtlich der Lautklassifikation kein Diskussionsbedarf. Auf sie
wird im Zusammenhang mit der eigentlichen Lemmasegmentierung näher eingegangen (Kapitel
3.2).
Die /ç/-Allophone wurden zunächst dem /ç/-Phonem zugeordnet, so dass sämtliche /ç/-haltigen
Wenkerlemmata in einer Suchabfrage zum Phonem /ç/ erscheinen: /maxən/, /ʃtykçən/
etc. Zusätzlich wurden sämtliche velaren Allophone ausgewiesen: /maxən/ vs. /ʃtykçən/,
so dass auch eine Abfrage nach diesen speziellen Allophonen möglich ist.
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3.1.3 Lautklasse „Silbe“
Als eigenständige Silben werden im Rahmen der Lautklassifikation zum einen typische
Lautfolgen definiert, die in den Wenkerlemmata einer besonderen Frequenz unterliegen.
Es handelt sich dabei um die Präfixe „gə-“ und „bə-“ sowie die Suffixe „-ən“ und
„çən“. Damit bildet das phonetisch-phonologische Register eine Schnittstelle zum
morphologischen Register, wie überhaupt eine Vielzahl morphologischer Elemente in
Ergänzung zum schon vorhandenen Suchinstrument über die später noch zu beschreibende
Segmentierung der Wenkerlemmata erschlossen werden können. Unter die eigenständigen
Silben werden ferner die silbischen Nasale und Liquide subsumiert (m, n,
l, r). In der Datenbank werden die silbischen Konsonanten aus praktischen
Gründen als Lautfolge aus Schwa und Sonant geführt.
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3.1.4 Lautklasse „Nullmarkierung“
Das Register führt weiterhin eine so genannte Nullmarkierung (#), die zum Ausweis
von Wortgrenzen verwendet wird und damit die Wortposition des in der Lemmasegmentierung
unmittelbar voranstehenden oder nachfolgenden Lautes spezifiziert (z.B. #als#).
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3.1.5 Lautklasse „Zusatzelement“
Die Definition eines Zusatzelementes ergibt sich aus solchen Kartenthemen, die ihr
Bezugssystem nicht in der Standardsprache, sondern in den Dialekten des Deutschen
finden. Einen solchen Fall stellt etwa die Karte „oben“ (487) dar, die einen in
den Dialekten realisierten konsonantischen Anlaut zum Thema hat.
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3.1.6 Schwa + Sonant
Von einzellautlichen Spezifizierungen abgesehen wurden in das Register alle Verbindungen
mit Schwa und den Sonanten /n, m, l, r/ gesondert aufgenommen, die nicht oder nicht
eindeutig als morphologisch zu kategorisieren sind. Beispielsweise kann ein Nutzer
an der Realisierung von -el im Auslaut interessiert sein. Dies betrifft in
der Mehrzahl der Fälle die Diminutiva des Typs -lein. Allerdings wäre das
Wort „Apfel“, das ebenfalls in den Fokus gehörte, über eine morphologische Suche
ausgeschlossen. Ähnlich verhält es sich bei der Suche nach -er, das weit
reichend, aber nicht vollständig über grammatische Kategorien abgedeckt ist (vgl.
als Gegenbeispiel „Bruder“).
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3.2 Lemmasegmentierung und phonotaktische Präzisierung
Die Lemmasegmentierung dient dem Ziel, die lineare Lautfolge des Kartenthemas relational
zu bestimmen. Das grundsätzliche Suchprinzip entspricht einem dreigliedrigen Raster,
mit dem jedes Erhebungswort (Kartenthema) linear überprüft wird. Im Fokus steht
dabei eine sogenannte MED-Position, die das aktuell zu spezifizierende Wortsegment
aufnimmt und in Relation zu den jeweiligen PRÄ- und POST-Positionen setzt. Darüber
sollen einfache Silben-, Morphem- und Wortinformationen geliefert werden. Das nachfolgende
Beispiel mag das Vorgehen verdeutlichen. Es handelt sich um die Segmentierung des
Kartenlemmas „als“:
|
Thema
|
prä
|
med
|
post
|
Silbentyp
|
Silbenposition
|
Morphemposition
|
|
als [komp]
|
#
|
a
|
l
|
Stammsilbe
|
Nukleus
|
nach Morphemgrenze
|
|
als [komp]
|
a
|
l
|
s
|
Stammsilbe
|
Koda
|
keine Morphemgrenze
|
|
als [komp]
|
l
|
s
|
#
|
Stammsilbe
|
Koda
|
vor Morphemgrenze
|
Das Kartenthema „als“ wird demgemäß über drei Datenbankeinträge erschlossen. Durch
Definition der Nullmarkierung „#“ werden die Positionen des Wortanlauts, des -inlauts
und -auslauts erkennbar. Eine Suchabfrage z.B. nach wortinitialem a würde
also das Wort „als“ zum Treffer haben. Zugleich werden Suchabfragen nach den jeweiligen
Segmentkombinationen möglich, z.B.:
>> Suche: „a vor l“
Über die Lautklassifikation der Einzelsegmente, die in der Datenbank abgelegt ist,
wird aber zugleich auch eine Suchabfrage des folgenden Typs möglich:
>> Suche: „a vor Liquid“
Eine weiterreichende Suche wird durch die Füllung der Silben- und Morpheminformationen
möglich. Die Datenbank garantiert somit die spezifische Suchabfrage nach bestimmten
Lauten oder Lautmerkmalen in spezifischen Silbenpositionen. Als mögliche Suchoptionen
wurden sowohl Silbentypen als auch Silbenpositionen angesetzt. Die Silbentypen beziehen
sich auf die Position der Silbe im Wort:
- Vorsilbe
- Stammsilbe
- Zwischensilbe
- Endsilbe
Bei Komposita wird die Endsilbe des ersten Kompositionsgliedes zusätzlich als Zwischensilbe
kategorisiert. Die Silbe pfel im Lemma „Apfelbäumchen“ wird also in der Suche
nach Endsilben ebenso berücksichtigt wie bei der Suche nach Zwischensilben. Während
die Silbentypen wortspezifisch sind, präzisiert die Silbenposition die lautlichen
Elemente der Silbe in der Klassifikation nach:
Eine phonotaktische Erweiterung der Lautpräzisierung wird über die Kategorie der
Wortposition möglich. Zur Auswahl stehen:
Als letzter Schritt wurde zusätzlich eine morphembezogene Bestimmung der phonetisch-phonologischen
Segmente eingerichtet. Diesbezüglich stehen einer Suchabfrage folgende Kategorien
zur Verfügung:
- vor Morphemgrenze
- nach Morphemgrenze
- keine Morphemgrenze
- Portmanteau
Die Portmanteau-Angabe ermöglicht damit die Suche nach Wortkontraktionen des Typs
„ins“, „durchs“ etc. Die Angabe wurde stets nur für jenes Morphem angesetzt, das
als zentrales Kartenthema zu gelten hat. Sie wurde auch bei grammatikalisierten
Morphemen verwendet, wenn auf den Karten Hinweise auf eine Morphemtrennung gegeben
sind (z.B. „am“). Die über die Lemmasegmentierung zusätzlich gewonnen Spezifizierungen
sind in den folgenden Beispielen berücksichtigt:
>> Suche: „Liquid in Position der Koda“
>> Suche: „Konsonantencluster im Onset!“
>> Suche: „Plosiv in Konsonantencluster in Onset unmittelbar vor Nukleus/Vokal“
>> Suche: „gespreizte Vokale nach Morphemgrenze“
>> Suche: „Obstruenten im Wortanlaut“
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3.3 Informationstypen
Zu den Besonderheiten der Suchmöglichkeiten, die nicht unmittelbar auf das phonetisch-phonologische
Anliegen, sondern vielmehr auf die Kartenthematik selbst bezogen ist, gehört die
Angabe der auf den Karten enthaltenen Informationstypen. Zwar lässt sich über die
von den Kartenzeichnern gefasste Definition des Kartenthemas eine Zuordnung der
Karteninformation zur lautlichen oder formbezogenen Systemebene erschließen. Allerdings
finden sich gerade auf den eigentlich lautlichen Karten immer wieder Informationen
zu anderen Systemebenen. Ein Beispiel liegt mit der Karte „Kleid[er]“ vor, die,
obwohl sie auf lautliche Phänomene hin verfasst wurde, auch lexikalische Alternationen
des Typs Gewand zeigt. Vor diesem Hintergrund wurde eine inhaltsbezogene
Analyse aller Wenkerkarten durchgeführt und die jeweils enthaltene Information klassifiziert
und hierarchisiert. Dies führt zur Unterscheidung eines primären von einem sekundären
Informationstypus, die über folgende Datenbankeinträge spezifiziert ist:
|
primäre Information
|
sekundäre Information
|
|
Lautung
|
Lautung
|
|
Formenebene
|
Formenebene
|
|
Lexik
|
Lexik/Formenebene
|
|
Grundkarte
|
Lexik/Lautung
|
|
|
keine
|
Die primäre Information ordnet die auf der jeweiligen Karte erkennbaren Realisationen
einer quantitativ dominierenden Systemebene zu. Der sekundäre Informationstyp gibt
die darüber hinaus erkennbaren systemebenenbezogenen Einheiten an, die unter Umständen
verschiedene Bereiche betreffen können (z.B. Lexik und Formenebene als sekundäre
Informationen).
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Endnoten
[1] Die Kartennummern beziehen sich auf die im DiWA ersichtlichen Nummerierungen.
[2] Die Definition des Kartenthemas basiert primär auf lautlichen und erst sekundär
auf formbezogenen Erwägungen wie z.B. die Karten 177 (lieb in liebes) und 178 (bes
in liebes) verdeutlichen.
[3] Eine gewisse Kompensation, die allerdings das Massenproblem nicht lösen kann,
stellt die im DiWA durch unterschiedliche Farbtiefe markierte Kartenthematik dar.
[4] Es ist grundlegend zu berücksichtigen, dass das Kartenmaterial in vorstrukturalistischer
Zeit erstellt wurde und damit den ‚modernen’ Kategorien des Phonems und Morphems
fern steht.
[5] Die Form ist im Wörterbuch von Benecke et al. (BMZ 1990) nicht verzeichnet.
[6] Es soll betont werden, dass dieser Text das maximale Potenzial des Registers
nach Maßgaben der angelegten Datenbankstruktur beschreibt. Die technische Umsetzung
in DiWA erfolgt sukzessive.
[7] Eine Auflistung des Inventars ergibt sich aus der nachfolgenden Beschreibung
der einzelnen Lautklassen. Das maximale Suchrepertoire der Lautmerkmale ergibt sich
aus der im Anhang geführten Abbildung 1.
[8] Aus Darstellungsgründen erfolgt die Text-Darstellung der phonetischen Symbole
gemäß SAMPA.
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4. Literatur
BMZ 1990 = Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Mit Benutzung des Nachlasses von Georg
Friedrich Benecke ausgearbeitet von Wilhelm Müller und Friedrich Zarncke. Nachdruck
der Ausgabe Leipzig 1854–1866 mit einem Vorwort und einem zusammengefaßten Quellenverzeichnis
von Eberhard Nellmann sowie einem alphabetischen Index von Erwin Koller, Werner
Wegstein und Norbert Richard Wolf. 4 Bde. u. Indexbd. Stuttgart: S. Hirzel. [http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/bmz/wbgui?lemid=BA00001]
Hall, Tracy Alan (2000): Phonologie. Eine Einführung. Berlin/New York: de Gruyter.
(de Gruyter Studienbuch.)
KDSA 1995 = Kleiner Deutscher Sprachatlas. Bd. 2 Vokalismus. Teil 1 Kurzvokale.
Dialektologisch bearbeitet von Werner H. Veith. Computativ bearbeitet von Wolfgang
Putschke und Lutz Hummel. Tübingen: Niemeyer.
Kehrein, Roland / Lameli, Alfred / Nickel, Jost (2006): Möglichkeiten der computergestützten
Regionalsprachenforschung am Beispiel des Digitalen Wenker-Atlas (DiWA). In: Jahrbuch
für Computerphilologie 7 (2005). Hrsg. v. Braungart, G. / Gendolla, P. / Jannidis,
F. Paderborn: Mentis. S. 149-170. [vgl. http://computerphilologie.uni-muenchen.de/jg05/kehrein/kehrein.html]
Kohler, Klaus J. (1995): Einführung in die Phonetik des Deutschen. 2., neubearbeitete
Auflage. Berlin: Schmidt. (Grundlagen der Germanistik 20.)
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